Geschichten und Dialoge
Szenen, die mitten in der Bewegung aufhören: eine Geschichte bis zum Ende weiterschreiben lassen, die abgebrochene Szene einer Erzählung fortsetzen und den Dialog ohne neue Figuren zu Ende führen.
Abgebrochene Szene einer Erzählung
Für eine Szene, die mitten in der Bewegung abbricht und im Stil der Vorlage weitererzählt werden soll, neue Details ausdrücklich erlaubt.
Der Zug nach München hatte vierzig Minuten Verspätung, und Lukas hatte aufgehört, auf die Anzeigetafel zu schauen. Er saß auf seinem Koffer am Gleis 7, die Jacke über den Knien, und zählte die Tauben unter dem Hallendach. Von der Durchsage verstand er nur das Wort Weichenstörung. Dann setzte sich jemand neben ihn und sagte
, ohne ihn anzusehen: Sie fahren auch nach München, oder? Lukas nickte, obwohl die Frau seinen Koffer meinte und nicht ihn.Sie hieß Annika, arbeitete in Freiburg und hatte eine Thermoskanne dabei, die nach Fenchel roch. Innerhalb von zehn Minuten wusste Lukas, dass sie ihren Vater besuchte, den sie seit dem Frühjahr nicht gesehen hatte, und dass sie dabei das Wort Besuch sorgfältig vermied.Als der Zug endlich einfuhr, standen beide gleichzeitig auf. Lukas griff nach ihrer Tasche, bevor ihm auffiel, dass niemand ihn darum gebeten hatte.
Dialog ohne neue Figuren
Wenn ein Wortwechsel stehen bleibt und weitergehen soll, ohne dass neue Figuren auftauchen.
Tobias: Du hast die Rechnung also einfach liegen lassen.Annika: Ich habe sie nicht liegen lassen. Ich habe gewartet, bis du zurück bist.Tobias: Drei Wochen.Annika: Du warst drei Wochen weg, ja. Und die Mahnung lag seit Montag auf deinem Schreibtisch, nicht auf meinem.Tobias:
Auf meinem Schreibtisch liegt alles, was sonst niemand anfassen will. Das ist kein Argument.Annika: Es ist auch keine Anklage. Ich sage dir nur, wo sie lag.Tobias: Und was machen wir jetzt mit den 240 Euro Säumniszuschlag?Annika: Die zahlen wir. Und danach setzen wir uns hin und klären, wer welche Post öffnet, damit wir dieses Gespräch im Dezember nicht noch einmal führen.Tobias: Im Dezember bin ich wieder unterwegs.Annika: Eben.
Geschichte bis zum Ende
Für eine Geschichte, die nicht mehr weitergeführt, sondern zu Ende gebracht werden soll.
Vierzehn Jahre lang hatte Frau Bergmann den Kiosk am Dortmunder Nordmarkt jeden Morgen um halb sechs aufgeschlossen. Heute lag der Schlüssel zum letzten Mal in ihrer Hand. Die Zeitungen lagen gebündelt vor der Tür, der Kaffeeautomat brummte wie immer, und draußen wartete schon Herr Schreiner, der seit dem ersten Tag dieselbe Zeitung kaufte. Sie öffnete, und er sagte nichts.
Er legte nur das Geld abgezählt auf den Tresen und blieb dann stehen, statt zu gehen. Nach einer Weile fragte er, ob sie den Automaten mitnehme. Sie sagte, der bleibe hier, der gehöre zum Haus.Gegen Mittag kamen mehr Leute als sonst, und Frau Bergmann merkte, dass sie halb Dortmund kannte, ohne die Namen zu wissen. Am Nachmittag brachte jemand Blumen, die sie in einen Eimer stellte.Um sechs schloss sie ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten des Vermieters. Auf dem Weg zur Straßenbahn drehte sie sich nicht um. Am nächsten Morgen wachte sie trotzdem um halb sechs auf.