Ein anderer Teil ist eine hübsch verpackte persönliche Geschichte, die sich nicht automatisch auf ein fremdes Leben übertragen lässt, nur weil sie bei einer prominenten Person einmal funktioniert hat. Es lohnt sich, das genauer zu betrachten — nicht aus abstrakter Neugier auf fremde Biografien, sondern aus einem praktischen Grund: Zeit und Motivation, die in eine zufällig ausgewählte Gewohnheit aus einer fremden Liste investiert werden, sind eine Ressource, die man stattdessen in etwas hätte stecken können, das wirklich zum eigenen Leben passt. Und jeder gescheiterte Versuch, eine fremde Gewohnheit zu kopieren, untergräbt nebenbei das Vertrauen in die Idee "gute Gewohnheiten aufbauen" insgesamt — obwohl das Problem nicht Gewohnheiten an sich waren, sondern eine konkrete Fehlwahl.
Die zentrale Falle heißt Survivorship Bias: Wir lesen nur Geschichten von denen, die es geschafft haben, und sehen nicht die Tausenden mit denselben Gewohnheiten, die nichts Besonderes erreicht haben. Wenn hundert Menschen um fünf Uhr aufstehen und einer davon Milliardär wird, wird der Artikel genau über dieses frühe Aufstehen geschrieben — und kein Wort über die neunundneunzig, für die es keine Rolle gespielt hat.
Das zweite Problem ist die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Eine erfolgreiche Person im Interview kann aufrichtig glauben, ihr Erfolg beruhe auf einer bestimmten Morgengewohnheit, obwohl die eigentliche Ursache in ganz anderen Faktoren liegt: Zugang zu Ressourcen, der richtige Zeitpunkt, das Team im Hintergrund. Die Gewohnheit ist in diesem Fall nicht die Ursache des Ergebnisses, sondern nur Teil des Alltags einer Person, die das Ergebnis bereits erreicht hat.
Das dritte Problem ist die selektive Erinnerung der erzählenden Person selbst. Auf die Frage "was ist Ihr Erfolgsgeheimnis" wählen Menschen tendenziell ein bis zwei von Dutzenden realen Faktoren aus, die sich gut als Geschichte erzählen lassen — nicht unbedingt die, die tatsächlich am meisten beigetragen haben. Ein unspektakulärer Faktor wie "ich hatte zur richtigen Zeit den richtigen Geschäftspartner" schafft es selten in die Überschrift, "ich meditiere jeden Morgen 20 Minuten" klingt dagegen wie ein fertiger Rat, den man selbst übernehmen kann.